21 März 202012:00

Interview des Außenministers Russlands, Sergej Lawrow, für die TV-Sendung „Westi w Subbotu“ am 21. März 2020 in Moskau

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Frage: Sri Lanka – das ist Ihre Jugend. Mit welchem Gefühl kehrten Sie da zurück? Wir befinden uns in dem neuen Botschaftsgebäude, und Sie arbeiteten in dem alten. Allerdings, welche Erinnerungen haben Sie jetzt, was hat sich von der Zeit ins Gedächtnis eingeprägt?

Sergej Lawrow: Natürlich sind vor allem Erinnerungen vom früheren Gebäude geblieben, weil ich dort vier Jahre verbrachte. Ich war Assistent des Botschafters der Sowjetunion, Rafik Nischanow. Gott gebe ihm Gesundheit. Wir brachten ein Team zusammen, zu dem die Absolventen der MGIMO und ältere Kollegen gehörten – erste Sekretäre und Berater. Wir spielten Fußball, Volleyball. Es gab einen Klub, den es nicht mehr gibt. Er wurde aus der Miete zurückgenommen, weil nun sich alles auf dem Territorium der neuen Botschaft befindet.

Von eindrucksvollen Erinnerungen gab es so eine interessante Episode. In mein Arbeitszimmer im alten Gebäude kroch eine kleine Otter ein. Die Klimaanlagen waren dort in der Wand eingebaut, es gab einen kleinen Spalt dazwischen, wo sie hinein kroch. Doch wir haben sie dann schnell neutralisiert. Danach wurden speziell alle Arbeitsräume überprüft und alle Klaffen verspachtelt.

Neben dem Klub, wo wir uns jeden Samstag und Sonntag trafen, erinnere ich mich gerne an unsere Sportspiele. Dort sahen wir uns übrigens auch Filme an. Es gab diesen Brauch. Unter den jetzigen Bedingungen werden in den Botschaften selten gemeinsame Kinoabende organisiert. Jeder kann das nach seiner Wahl zu Hause machen.

Frage: Und was haben Sie sich angeschaut?

Sergej Lawrow: Uns wurden gute sowjetische Filme zugeschickt, die bis heute im Fernsehen oft gezeigt werden. Wir spielten auch gerne Fußball am Strand. Jeden Monat kamen diplomatische Kuriere, brachten diplomatische Post mit und nahmen sie entsprechend mit. Unter ihnen gab es sehr viele Sportler, darunter Fußballspieler – verdiente Meister des Sports. So spielte zusammen mit uns der sowjetische Fußballspieler von Dinamo Wladimir Sawdunin. Auch Spartak-Kicker spielten mit uns. Das war super – wir waren ganz jung, junge Kerle und vor Ort solche berühmte Sportler, deren Namen weltweit bekannt waren.

Auch Führungen prägten ins Gedächtnis ein. Das ist ein sehr schönes Land. Hier kann man schon in wenigen Stunden im Gebirge sein, wo in den Räumen Kamine gefeuert werden, auf funktionierenden Teeplantagen – ehemaligen englischen Siedlungen, die jetzt zu Klubs wurden, wo man Zeit verbringen kann. Es gibt einen Ort namens Ende der Welt. Nach einer Legende war dorthin Adam vom Paradies vertrieben. Auf der Insel gibt es viele interessante Orte. Wenn eine Gelegenheit vorhanden ist, empfehle ich von ganzem Herzen, hier Zeit zu verbringen. Es ähnelt im gewissen Sinne Sotschi – das Meer in der Nähe, und in einiger Zeit kann man sich schon ins Gebirge gelangen. Nur Ski wird da nicht gefahren. Aber „Hiking“ ist da im Gebirge absolut sicher empfehlenswert. Sri Lanka hat eine sehr interessante Geschichte. Ich würde auch empfehlen, die antike Hauptstadt Kandy zu besuchen.

Bei uns entwickelt sich gegenseitig der Tourismus. Wir sprachen mit Präsident von Sri Lanka Gotabaya Rajapaksa, Premierminister Mahinda Rajapaksa, meinem Kollegen, Außenminister Dinesh Gunawardena. Das Wachstum des Touristenstroms aus Russland nach Sri Lanka stieg 2019 fast um 30 Prozent auf rund 85.000 Menschen. Sie sind sehr zufrieden, weil erstens das Wachstum an sich zu erkennen ist, zweitens, neben absoluten Kennzahlen ist unser Tourist dadurch bekannt, dass er pro Kopf mehr als jeder andere ausgibt. Damit haben wir nicht schlechte Aussichten. Der Handelsumsatz wächst.

Ich erinnere mich daran, als ich hier noch als Mitarbeiter der Botschaft der Sowjetunion tätig war, wie 1975-1976 ein Gespräch über ein Landstück für ein neues Botschaftsgebäude begann. Also werden die Taten nicht sehr schnell umgesetzt, doch am wichtigsten ist das Ergebnis. Und das Ergebnis ist meines Erachtens nicht schlecht. Hier kann man würdig leben und arbeiten.

Frage: Vielleicht haben sich irgendwelche Einstellungen, Lehren, Ratschläge von Rafik Nischanow in Ihr Gedächtnis für das ganze weitere Leben eingeprägt?

Sergej Lawrow: Er ist ein weiser Mensch. Einstellungen kann man nicht formulieren, doch er zeigte mit seinem Benehmen, Tätigkeit, Kommunikation mit ausländischen Kollegen, was Diplomatie ist. Zuvorkommend, stößt nie jemanden vor den Kopf, beleidigt und kränkt niemanden, betont ständig, dass er dem Gesprächspartner zuhört. Wenn der Mensch in seiner Antwort sich an kleinste Details erinnert, bedeutet das schon, dass er hört und zuhört.

Rafik Nischanow ist ein Mensch mit einem sehr guten Humorgefühl. Ich erinnere mich daran, also wenn er ins Büro kam, an mich vorbei ging (ich saß wie gewohnt am Tisch in meinem Arbeitszimmer) und sagte „Hallo Marxist!“, hieß es, dass er sehr gut gelaunt war, und an diesem Tag alles bei uns richtig war. Im Prinzip war er selten wütend. Wir hatten ja kritische Situationen, hier gab es verschiedene Sachen. Es gab Verkehrsunfälle unter Teilnahme unserer Mitarbeiter – eine nervöse Geschichte, doch er löste immer sehr würdevoll alle Fragen. Nochmals Gott gebe ihm Gesundheit!

 

Das Interview wurde während des Besuchs Sergej Lawrows in Sri Lanka am 14. Januar 2020 aufgenommen.

 

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