12 November 201916:15

Rede und Antworten des Außenministers der Russischen Föderation, Sergej Lawrow, auf der Arbeitssession Workshop des Zweiten Pariser Friedensforums am 12. November 2019 in Paris

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Inoffizielle Übersetzung aus dem Englischen

Danke, dass sie zu dieser Arbeitssession gekommen sind.

Um die Zeit zu sparen, wird meine Einführungsrede kurz sein.

Die akutesten Fragen der internationalen Tagesordnung werden in der letzten Zeit ziemlich ausführlich besprochen. Ich bemühe mich, meinen Beitrag zu leisten. Ich meine meinen Auftritt am 27. September dieses Jahres auf der allgemeinen politischen Diskussion der 74. Session der UN-Generalversammlung in New York. Der Text des Auftritts mit der Übersetzung in die englische und französische Sprache ist auf der Webseite des Außenministeriums veröffentlicht. Deswegen werde ich nur kurz unsere Einschätzungen der Entwicklungen in der Welt zusammenfassen.

Die Welt wandelt sich zweifellos. Diese Änderungen werden eine lange historische Periode einnehmen. Ihr Wesen besteht in Multipolarität. Heute wird der Begriff Multilaterismus als Maxime genutzt. Unabhängig von der Terminologie – polyzentrische Welt, multipolare Welt, vielseitige Welt  - das Wesen ändert sich nicht. Niemand – weder ein einzelner Staat, noch eine Gruppe der Länder wie wir es „historischer Westen“ nennen – kann die Welt im Alleingang steuern. Vor unseren Augen entstehen neue Zentren des Wirtschaftswachstums, Finanzstärke und politischen Einflusses – China, Indien, Brasilien und andere Länder Lateinamerikas, afrikanische Staaten. Sie stehen auf und werden bald (im historischen Maßstab) bestimmt mehr Einfluss auf internationale Angelegenheiten erfordern.

Deswegen werden die Schlüsselfragen der internationalen Tagesordnung nicht mehr in der G7 besprochen. Vor neun Jahren wurde erneut die G20 aktiviert, um mehr Möglichkeiten den Ländern aus anderen Regionen der Welt, neben der EU und USA zu bieten. Das ist eine sehr gesunde Tendenz, weil je mehr Machtzentren es gibt, desto stabiler die internationale Situation aussehen wird.

Unsere westlichen Freunde sind natürlich nicht begeistert darüber. Im Laufe von mehr als fünf Jahrhunderten dominierten sie im politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Leben auf diesem Planeten, bestimmten seine zivilisatorische Entwicklung. Sie versuchen, diesen Prozess zu bremsen und den Beginn dieser objektiven Realität zu erschweren. Eines der Zeichen dieser Position ist ein neues Konzept – statt sich auf das Völkerrecht zu berufen, wie wir das im Laufe von vielen Jahren machen, rufen sie zum Respekt der „auf Regeln basierenden Ordnung“ auf. Was bedeutet das? Wenn das den Interessen des Westens entspricht, wird das Recht der Völker auf Selbstbestimmung als unbestritten bezeichnet, und wenn nicht – als illegitim. Wollen wir die Situation im Kosovo und auf der Krim vergleichen. Auf der Krim gab es ein Referendum. Im Kosovo gab es kein Referendum, diese Region wurde blitzschnell als ein unabhängiger Staat durch die meisten westlichen Länder anerkannt.

Ein anderes Beispiel dafür, wie Regeln in einem realen Leben angewendet werden – die Lage in der OPCW. Gemäß der Chemiewaffenkonvention wurde das Technische Sekretariat der OPCW gebildet, das auf offizielle Anfragen der Mitgliedsstaaten antworten soll, wenn sie klären wollen, ob verbotene Stoffe angewendet wurden oder nicht. Das war’s. Es hat keine anderen Funktionen. Die westlichen Länder verliehen dem Technischen Sekretariat via Abstimmung Funktionen des UN-Sicherheitsrats – nicht nur feststellen, ob verbotene Stoffe eingesetzt wurden oder nicht, sondern auch die Verantwortlichen bestimmen, auf jene hinweisen, auf die sie Verantwortung legen wollen. Das ist eine kardinale Änderung des Übereinkommens. Um sie zu ändern, sollen Änderungen vorgenommen, abgestimmt werden, wonach ein Verfahren der Ratifizierung durch alle Teilnehmer erfolgt.

Das war eine sehr traurige Aktion beim Verhalten der westlichen Staaten, die im Interesse der politischen Zweckmäßigkeit das Völkerrecht verletzen, Regeln einführen, die von ihnen selbst geschaffen werden, die sich je vom Fall ändern können.

In dieser Reihe steht ebenfalls der Zerfall des Gemeinsamen umfassenden Aktionsplans zur Regelung des iranischen Atomprogramms, absolute Inakzeptanz der Beschlüsse zu Palästina durch die USA, Ignorieren der Beschlüsse des UN-Sicherheitsrats, die bereits ein Teil des Völkerrechts wurden, grenzübergreifende Anwendung der US-Gesetzgebung. Diese Reihe kann ergänzt werden.

Unsere Position besteht darin, dass wir eine reale Lage akzeptieren sollen. Wir können nicht die Interessen einzelner Gruppen der Länder ignorieren, darunter der Länder des Westens. Doch der Westen soll die Versuche aufgeben, die Gestalt eines Richters und Anklägers in letzter Instanz aufzunehmen. Ich denke, dass sehr gesunde Diskussionen im G20-Format geführt und aufrechterhalten werden sollen. Dort sind jetzt die Länder der G7, BRICS, andere sich entwickelnden Regionen, die nicht zur BRICS gehören, vertreten – das ist eine ziemlich repräsentative Gruppe. Ich denke, dass die G20, die von Anfang an zur Lösung der wichtigsten Finanz- und Wirtschaftsprobleme gebildet wurde, nicht zufällig immer mehr politische Fragen bespricht, die vor der internationalen Gemeinschaft stehen.

Das soll die unzureichende Entwicklung bei der Reform des UN-Sicherheitsrats kompensieren. Die Länder, die wollen, dass ihre Stimme bei globalen politischen Diskussionen gehört wird, teilen die Meinung, dass die G20 eine Plattform ist, wo das möglich wäre. Das bedeutet nicht, dass wir an die Reform des UN-Sicherheitsrats vergessen sollen. Der größte Nachteil der Arbeit des UN-Sicherheitsrats ist die unterrepräsentierte Vertretung der Entwicklungsländer. Wir können dieses Problem lösen, nur indem die Vertretung der Länder Asiens, Afrikas, Lateinamerikas erhöht wird. Die Verstärkung der Vertretung der Länder des Westens wird nicht die Frage lösen und einen Mehrwert haben. Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass der Westen in jeder Gestalt des UN-Sicherheitsrats mindestens einen Drittel der Sitze beibehält, manchmal noch mehr.

Ich rufe zur Diskussion auf, bei der anerkannt wird, dass es kein triumphal erklärtes „Ende der Geschichte“ nach dem Zerfall der Sowjetunion gab, die Geschichte lebt und sich sehr wohl fühlt, und die Prophezeiung von Francis Fukuyama über die ewige Dominanz des Westens sich nicht erfüllte. Diese Realität wird bereits in zahlreichen analytischen Werken anerkannt sowie in jüngsten Erklärungen des Präsidenten Frankreichs Emmanuel Macron, in seinem Interview. Wollen wir besprechen, wohin wir uns bewegen.

Frage: Wenn man ein Fazit zu Ihrer Rede zieht, kann man sagen, dass der Westen für alles schuldig gemacht werden soll?

Sergej Lawrow: Nein, nicht für alles. Nur für seine eigenen Fehler.

Frage: Ich würde mit der Frage über Syrien beginnen. Beim Verständnis der Absichten und Ziele wurde Russland tatsächlich einer der wichtigsten Akteure im Nahen Osten, nicht nur in Syrien. Ich hörte vor kurzem, dass jemand Russland „Scharif des Nahen Ostens“ nannte. Indem man diese Metapher entwickelt, soll man sagen, dass Ihr Land nun Verantwortung dafür trägt, dass es in der „Stadt sicher sein soll“. Je größer die Stärke ist, desto größer ist auch die Verantwortung, wie wir seit den Zeiten des Films über Superman das wissen. Also ist Russland bereit, das gesellschaftliche Wohlergehen im Nahen Osten, unter anderem in Syrien zu gewährleisten?

Sergej Lawrow: Diese Denkweise der Scharife, Weltpolizei ist eine westliche Erfindung. Diese Logik ist nicht dazu anzuwenden, was wir in Syrien sehen. Man soll nicht daran vergessen, dass die Krise in diesem Lande vor dem Hintergrund der zahlreichen Verbrechen, die im Nahen Osten verübt wurden – und nicht durch uns, begann.

Wollen wir die Invasion im Irak nehmen. 2003 wurde über der Triumph der Demokratie in diesem Lande deklariert – wer kann sich an die lautstarken Erklärungen von George W. Bush erinnern? Sie sehen, was heute im Irak vor sich geht.

Al Qaida entstand übrigens nachdem die Amerikaner in den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Unterstützung für die afghanischen Mudschaheddins begannen, indem damit gerechnet wurde, dass sie nach dem Abzug der sowjetischen Truppen kontrolliert werden können. In der Tat wurde aber Al Qaida geschaffen, die als Bumerang die Amerikaner am 11. September 2003 traf. Ähnlich wurde im Irak nach der Invasion der USA 2003 nach einigen Jahren der Islamische Staat geschaffen. Abu Bakr al-Baghdadi wurde aus dem US-Gefängnis freigelassen und leitete dieses schreckliche Kalifat. Aggression gegen Libyen und anschließend gegen Syrien brachten die Reinkarnationen von Al Qaida zur Welt – Gruppierung Dschabhat al Nusra, Heyat Tahrir asch-Scham oder wie sie sich noch nennen.

Die Aggression gegen Libyen brachte gleich mehrere Wellen des Terrorismus gegen die Sahara-Sahel-Region und illegale Migration – in Richtung Europa. Das sind konkrete Ergebnisse des Abenteuers gegen Irak, Libyen und Syrien. Als der IS schon kurz vor dem Sturz der syrischen Regierung war, als Terroristen bis zu den Vorstädten von Damaskus kamen, als sich Präsident Syriens Baschar Assad an wandte und um Hilfe hat – ja, wir halfen, und ich denke, wir machten das absolut richtig. Denn  jetzt kontrollieren Terroristen nicht mehr dieses Land, außer einzelner Gebiete am östlichen Euphrat-Ufer, und die legitime Regierung leitet erneut den Staat.

Frage: Einige behaupten, dass die Unterstützung für Baschar Assad die syrischen Sunniten in die Arme der radikalen Kräfte, Extremisten von Dschebhat an Nusra und anderer bewegt. Was denken Sie darüber?

Sergej Lawrow: Wir müssen damit zu tun haben, was wir als Erbe nach dem Weggehen der Franzosen aus Syrien bekamen. Denn es war gerade Frankreich, das Architekt  des aktuellen Machtsystems Syriens ist. Es ist ein Fakt. Wir hatten nie Kolonien, doch wir mussten mit den Folgen der Kolonialzeit zu tun haben.

Schauen Sie postkoloniale Grenzen zwischen den Staaten in Afrika an, darunter Maghreb-Staaten – das sind direkte Linien, die verschiedene ethnische und religiöse Gruppen trennen. Im nächsten Jahr werden wir den 60. Jahrestag der Erklärung begehen, die von der UN-Generalversammlung verabschiedet wurde, die den Kolonien und Völkern Unabhängigkeit gewährte. Wir werden uns unbedingt daran erinnern, wie diese Erklärung verabschiedet wurde, und welche Fragen ungelöst bleiben. Weil einige Länder nicht die Unabhängigkeit in dem Maße bekamen, wie das durch UN-Generalversammlung vorgeschrieben wurde.

Heutzutage sagen manche, man sollte sich nicht an die koloniale Vergangenheit erinnern, sondern sich lieber auf den heutigen Tag konzentrieren. Aber viele, auch in Europa, wollen diverse Fragen neu erwägen, die mit der Zeit gleich nach dem Zweiten Weltkrieg verbunden sind – 20 Jahre vor der Entkolonialisierung. Und das ist ja ein viel jüngeres Phänomen. Diesen Fakt darf man nicht ignorieren, wie auch die Notwendigkeit, alle Aspekte der Entkolonialisierung und die Tatsache zu analysieren, dass manche Völker immer noch unter Kontrolle der Metropolen bleiben – das ist eine weitere offene Frage.

Zurück zu Syrien: Viele Sunniten sind Teil des Systems geworden. Die beteiligen sich aktiv an Geschäftsprozessen und an der Staatsverwaltung. Ich glaube nicht, dass viele Sunniten die aktuelle Regierung stürzen und sich den Terroristen in die Arme werfen wollen.

Frage: Und gibt es kein Risiko, dass man Russland als eine neue Kolonialmacht im Nahen Osten betrachten wird?

Sergej Lawrow: Wir wurden dorthin eingeladen – im Unterschied zu den USA, Frankreich, Deutschland und anderen Mitgliedern der so genannten Anti-Terror-Koalition, die sich auf dem syrischen Territorium illegitim aufhalten. Wir wurden von der legitimen Regierung eingeladen, aber ich denke nicht, dass dies irgendwie dem Begriff „Kolonialismus“ entspricht.

Frage: Was halten Sie von den Ereignissen im Irak (im Kontext der Revolution – oder wie nennen Sie diese Ereignisse?) und im Libanon? Unterstützt Russland diese Prozesse oder wirkt es dagegen? Wie glauben Sie: Sind sie für die Evolution dieser Länder nützlich?

Sergej Lawrow: Wissen Sie, ich habe erst gestern dieses Thema besprochen. Wir sind daran gewohnt, dass man glaubt, wir wären mit allen Ereignissen in der ganzen Welt verbunden: Giftanschlag in Salisbury, Brexit, Situation in Katalonien. Vor kurzem erwähnte man uns unter den Kräften, die sich in die Situation in Chile einmischen, weshalb der APEC-Gipfel abgesagt wurde. Deshalb war es mir interessant, warum man uns im Kontext der Ereignisse im Irak, im Libanon und jetzt auch in Bolivien nicht erwähnte. Irgendwie hat man uns die Organisation des Staatsstreichs in Bolivien immer noch nicht vorgeworfen. Und das ist merkwürdig. Denn irgendwas passiert doch in den Köpfen derjenigen, die die geopolitische Tagesordnung prägen.

Meines Erachtens sind die Ereignisse im Irak sehr traurig. Es ist bedauernswert, den Libanon in einer dermaßen instabilen Situation zu beobachten. Aber vergessen Sie nicht, dass sich die Menschen im Iran immer noch nicht von den Folgen der US-Okkupation und des waghalsigen geopolitischen „Engineerings“ Paul Bremers, der damals Mitglieder der Baath-Partei aus allen Ämtern verjagte.  Übrigens sind die besten IS-Kämpfer ausgerechnet ehemalige Offiziere der Armee von Saddam Hussein, die von Paul Bremer entlassen wurden. Wie Winston Churchill einst sagte, handeln die Amerikaner immer richtig, aber erst nachdem sie alle anderen Varianten ausprobiert haben. Im Libanon begrüßen wir die Bemühungen Saad Hariris um die Bildung einer neuen Regierung. Aber soweit ich verstehe, besteht seine Idee – und auch die Idee seiner Mitstreiter – darin, dass eine technokratische Regierung ohne irgendwelche politischen Formationen gebildet werden sollte. Ich denke nicht, dass so etwas im Libanon möglich wäre, wenn man die dortige Realität bedenkt.

Frage: Russland spielt eine wichtige Rolle im Nahen Osten, vor allem wenn es um die Unterstützung der Teilnehmer von Konflikten geht, die nach Verbündeten im Kampf gegen die USA suchen. Das lässt gewissermaßen davon reden, dass Russland diejenigen unterstützt, die seinen Interessen beim Widerstand den USA dienen. Schätzen Sie Russlands Vorgehen im Nahen Osten auch so ein, oder sind Sie damit nicht einverstanden? Und wenn nicht, dann warum sehen wir, wie Russland das Regime von Baschar al-Assad unterstützt, das viele für illegitim halten, anstatt die Einrichtung von Sicherheitszonen in Syrien zu fördern, zerstörte Städte wiederaufzubauen (an deren Zerstörung sich unter anderem die russische Luftwaffe beteiligte)?

Sergej Lawrow: Vor allem geht es bei dem „Regime“, wie Sie es nennen, um die Regierung eines Staates, der vollberechtigtes UN-Mitglied ist. Deshalb halte ich es für unangebracht, in diesem Fall vom „Regime“ zu sprechen.

Zweitens übten wir unsere Außenpolitik nie aus, nur um den USA zu widerstehen. Keineswegs. Was den Nahen Osten angeht, so ist Russland das einzige Land, das Kontakte mit allen Seiten pflegt. In Syrien führen wir den Dialog mit der Regierung, mit der Opposition, mit den Kurden und übrigens auch mit den Amerikanern. Unsere Militärs haben einen „Deconflicting“-Mechanismus. In Libyen reden wir mit dem Ministerpräsidenten der Regierung der nationalen Einheit, Fayiz as-Sarradsch, mit dem Vorsitzenden der Abgeordnetenkammer (des Parlaments), Aguila Saleh, mit dem Befehlshaber der Libyschen Nationalen Armee, Chalifa Haftar – mit allen Seiten. Dasselbe gilt auch für den Irak. Wir pflegen den Dialog mit den Sunniten, Schiiten, Kurden. Ich habe vor kurzem den Irak besucht, und zwar Bagdad und Erbil. Im Syrien-Kontext wirken wir mit der Türkei und dem Iran eng zusammen. Ich darf erinnern, dass es vor der Bildung des „Astanaer Formats“ Ende 2016 bzw. Anfang 2017 keinen Dialog zwischen der Regierung und der richtigen Opposition gegeben hatte. Die einzige Opposition, die der Westen damals zusammensetzen konnte, bestand aus Immigranten, die in Istanbul, Riad, in Europa und den USA ansässig waren. Sie wurden als Partner für den Dialog präsentiert. Dann gründeten Russland, die Türkei und der Iran ein Format, in dessen Rahmen die Regierung und die Opposition, die gegen sie mit Waffen in der Hand kämpfte, am Verhandlungstisch Platz genommen haben. Gerade auf diese Weise ist es uns gelungen, den Kongress des syrischen nationalen Dialogs zu organisieren, das Verfassungskomitee zu bilden – und gerade so wurde die Waffenruhe auf einem großen Teil des syrischen Territoriums ausgerufen. Zuvor waren wir uns 2013 mit den USA einig, wie der Syrien-Konflikt zu regeln wäre. Die mit dem US-Außenminister John Kerry getroffene und von der Regierung in Damaskus begrüßte Vereinbarung bestand darin, dass die syrische Luftwaffe überhaupt auf dem Boden bleiben sollte, während jegliche Einsätze der russischen und amerikanischen Luftstreitkräfte abgesprochen werden sollten. Mit anderen Worten, hatten die USA und Russland das „Vetorecht“, wenn es um ihr Vorgehen in Syrien ging. Die einzige Bedingung für das Inkrafttreten dieser Vereinbarung war, dass die USA die bewaffnete Opposition von Terroristen aus der al-Nusra-Front trennen sollten. Das haben sie aber nie getan. Ich habe allen Grund, angesichts der früheren realen Beispiele zu vermuten, dass Washington immer noch die al-Nusra-Front unterstützt, obwohl diese Organisation in den USA selbst auf die Terroristenliste gesetzt wurde. Die Amerikaner betrachten die al-Nusra-Front als Gegengewicht für die syrische Regierung. Das ist ihr weiterer Fehler, nachdem sie auf die Mudschahedin gesetzt hatten, die dann den 9/11-Anschlag verübt haben; nach all dem, was sie im Irak angestellt hatten, wo später der IS entstand. Jetzt kümmern sie sich um die al-Nusra-Front und glauben, in der Lage zu sein, sie zu kontrollieren. Aber das ist eine Illusion.

Was den Wiederaufbau des Landes angeht, so setzen wir gemeinsame Projekte mit der syrischen Regierung um – und laden alle ein, Bedingungen für die Modernisierung der Infrastruktur zwecks Heimkehr der Flüchtlinge zu schaffen, damit das Land zum normalen Leben zurückkehren könnte. Die USA weisen diese Notwendigkeit vehement zurück und verbieten allen ihren Verbündeten – der Nato, der EU, den regionalen Ländern, Finanzmittel in jegliche Projekte auf Territorien zu investieren, die von der Regierung kontrolliert werden. andererseits tun sie östlich vom Euphrat alles, um dort eine quasistaatliche Struktur zu organisieren, und fordern die Länder der Golfregion zu großen Investitionen auf, um dort regionale Verwaltungsgremien auf Basis der Demokratischen Kräfte Syriens und der kurdischen Selbstverteidigungskräfte zu bilden. Das wird zu dem Zweck getan, diesen Teil Syriens zu trennen und die dortigen Ölfelder unter Kontrolle zu nehmen. BBC ist doch ein ernsthaftes Massenmedium – vergleichen Sie doch reale Fakten, lassen Sie sich nicht von Slogans beirren!

Frage: Sie haben eben gesagt, beste IS-Kämpfer wären ehemalige Baath-Mitglieder. Ich bin erst von der türkisch-syrischen Grenze zurückgekehrt, wo die Türkei im vorigen Monat gemeinsam mit Russland den Einsatz „Friedensquelle“ startete. Sie haben die Kurden im Irak erwähnt. Was können Sie aber von den Kurden in Syrien sagen?

Sergej Lawrow: Der Einsatz „Friedensquelle“ wurde nicht von Russland, sondern von den USA befürwortet, wenn wir mit Fakten einmal vorsichtig umgehen. Sie versuchten, mit der Türkei zu verhandeln, sagten dann aber, sie haben sich nicht einigen können, und deshalb würden die Kurden selbst bleiben, und sie gehen nun einmal. Indem die USA erklärten, sie würden die Kurden und Syrien sein lassen, wurde Washington sofort jegliche Verpflichtungen gegenüber den Kurden los, aber sie würden zurückkehren – wegen des Öls, nicht wegen der Kurden. Diese auffallenden „Zickzacks“ in der Außenpolitik – ich erinnere mich wieder an Winston Churchills Aussage, dass die Amerikaner immer richtig handeln, aber erst nachdem sie alles andere ausprobiert haben. Die Kurden in Syrien sollten am politischen Dialog teilnehmen. Aber die Kurden in Syrien sollten konsequent sein. Als sie am Anfang des Konflikts beschlossen, sie könnten unter Mitwirkung der USA selbstständig handeln, als sie die Bildung der „Nördlichen Bundesregion Rojava“ gründeten, indem sie dachten, die USA würden sie bei dieser separatistischen Bewegung unterstützen, war das nun einmal ihre Entscheidung. Wir versuchten, ihnen und der syrischen Regierung zu erklären, dass es wichtig wäre, den Dialog aufzunehmen. Die Kurden zeigten dafür aber kein Interesse – sie glaubten, die USA würden sie immer betreuen. Als sich die USA für diese „Wende“ entschieden, wandten sich die Kurden an uns und baten, ihnen bei der Aufnahme des Dialogs mit dem offiziellen Damaskus zu helfen. Wir waren bereit, das zu tun. Aber dann, als die Amerikaner ihre Rückkehr verkündeten, um die dortigen Ölfelder zu kontrollieren, verloren die Kurden wieder das Interesse für diesen Dialog. Man sollte doch konsequent sein! Ich habe keine Zweifel daran, dass man eine Lösung des Syrien-Konflikts nur unter Berücksichtigung der Interessen der Kurden und aller anderen ethnischen und religiösen Gruppen finden könnte. Die Kurden sind im Verfassungskomitee in Genf vertreten. Aber das sind keine Vertreter der kurdischen Selbstverteidigungskräfte. Sie wissen, was die Türken von ihnen halten. Wir glauben, diese Frage sollte sehr gründlich diskutiert werden, und es sollte eine politische Lösung gefunden werden – aber diese ließe sich nur dann finden, wenn sich alle wichtigsten Akteure am Verhandlungstisch versammeln und sprechen – und dabei den Respekt für die territoriale Einheit Syriens zeigen und alle nationalen, ethnischen und konfessionellen Fragen im Kontext der territorialen Einheit des Landes berücksichtigen. Darum handelt es sich eben bei der Arbeit des Verfassungskomitees.

Frage: Sie sprachen heute viel über die USA. 2020 steht in den USA die nächste Präsidentschaftswahl bevor. Wie bereitet sich Russland darauf vor?

Sergej Lawrow: Wir werden dieses Problem schon lösen, machen Sie sich keine Sorgen.

 

 

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