20 November 202015:00

Grußwort des Außenministers Russlands, Sergej Lawrow, auf einer Videokonferenz anlässlich des 75. Jahrestags des Militärgerichtshofs Nürnberg am 20. November 2020

2007-20-11-2020

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Sehr geehrte Kollegen, Freunde,

wir haben uns heute versammelt, um an ein prägendes Ereignis der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, den internationalen Gerichtsprozesses gegen die Nazi-Verbrecher zu erinnern. Mit dem Format der Videokonferenz können wir ein sehr großes Publikum erreichen. Ich möchte heute speziell die Zuschauer des deutschen TV-Senders Phoenix, die Staatsbürger Deutschlands und anderer Länder, denen das zu besprechende Thema nicht gleichgültig ist, begrüßen.

Die Geschichte der Nürnberger Prozesse – der größten politisch-rechtlichen Errungenschaft der damaligen Epoche ist einzigartig. Ebenso einzigartig ist die Geschichte Nachkriegsdeutschlands, das die dunkle Vergangenheit hinter sich lassen und einen schöpferischen Weg der Entwicklung beginnen konnte.

Der wichtigste Faktor des Erfolgs der Prozesse war die Einigkeit der Verbündeten der Anti-Hitler-Koalition bei dessen Schaffung, während der Arbeit und bei der Einschätzung der Ergebnisse. Die Beschlüsse des Tribunals haben unmissverständlich klar gemacht, wer an der Entfachung des blutigsten Kriegs in der Geschichte schuldig ist. In diesem Kontext wäre es angemessen, daran zu erinnern, dass viele von den grausamen Verbrechen des Nazismus gegen ganze Völker, gegen die Menschheit nur dank der „Bilder auf den Bildschirmen“ erfahren haben – den dokumentarischen Aufnahmen aus dem Gerichtssaal. Die Gesichter der Verbrecher, ihre Geständnisse lösen bis heute Schauer aus. Wie auch das Fehlen bekennender Reue bei den meisten von ihnen – das Phänomen, das später von der deutsch-amerikanischen Philosophin Hannah Arendt als „Banalität des Bösen“ prägnant beschrieben wurde…

Leider müssen wir feststellen, dass die Immunität gegen den Nazi-Virus, die unter anderem in Nürnberg ausgearbeitet wurde, heute deutlich schwächer geworden ist. Zum Beispiel in einigen Staaten Europas wird offen Propaganda für Nazi-Ideen betrieben. Es werden Versuche unternommen, die Verantwortung der Aggressoren und Befreier, Opfer und Henker gleich zu setzen, sowie die Nazis und deren Helfershelfer als Helden zu präsentieren. In dieser Reihe steht auch der absolut zynische Krieg gegen die Denkmäler für Befreiungskämpfer. Das alles verletzt nicht nur das Gedenken an die Millionen Opfer, sondern bedroht auch fundamentale Prinzipien der Sicherung der Menschenrechte.

Wir gehen davon aus, dass die vollumfängliche Anerkennung der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs, die unter anderem in der UN-Charta festgelegt sind, ein bedingungsloser Imperativ für alle Staaten ist. Wir sind davon überzeugt, dass die systematische Arbeit zur Bekämpfung jeder Form und Erscheinung von Rassismus, Fremdenhass, aggressiven Nationalismus, Chauvinismus zu den bedingungslosen Prioritäten der Weltgemeinschaft gehören soll. Auf die Lösung dieser Aufgabe ist die jedes Jahr von Russland initiierte Resolution der UN-Generalversammlung „Kampf gegen Verherrlichung des Nazismus, Neonazismus und andere Praktiken, die zum Schüren zeitgenössischer Formen des Rassismus, der Rassendiskriminierung, der Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängender Intoleranz beitragen“ abgezielt, die traditionell von der überwiegenden Mehrheit der Staaten unterstützt wird.

Ich rechne damit, dass ihre Konferenz im konstruktiven Sinne verlaufen, die Festigung des internationalen humanitären, wissenschaftlichen Austauschs fördern, einen Beitrag zur Bewahrung der historischen Wahrheit leisten wird.

 

 

 

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