29 Juni 202011:00

Interview des Außenministers Russlands, Sergej Lawrow, für den Fernsehsender RT, Moskau, 29. Juni 2020

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Frage: Wir werden mit Ihnen über die Rolle des Außenministeriums Russlands bei der Rückholung unserer Bürger aus dem Ausland sprechen. Wie ist es dazu gekommen? In unserer Verfassung steht geschrieben, dass wir die Rechte unserer Bürger sichern müssen, auch im Ausland. Ist das wirklich so? Muss das Außenministerium das tun? Inwieweit musste sich das Außenministerium daran beteiligen?

Sergej Lawrow: Im Prinzip ist diese Pflicht des außenpolitischen Amtes: die Rechte und die Sicherheit unserer Mitbürger im Ausland zu gewährleisten und dabei auf alle völkerrechtlichen Mittel zurückzugreifen – in Gesetzen aller Staaten festgeschrieben. Wir sind da keine Ausnahme. Eine andere Sache ist, dass in einer ganzen Reihe von Fällen, bei diesen oder jenen Ländern gewisse Mechanismen, die die Förderung der Heimkehr  vorsehen, nicht ein für alle Mal verankert sind.

Frage: Wie wurde klar, dass unsere Menschen evakuiert werden müssen, und dass es sie sehr viele gibt?

Sergej Lawrow: Diese Entscheidung hat der Operativstab getroffen. Wir beteiligen uns daran neben dem Ministerium für digitale Entwicklung und Kommunikationswesen, weil es für die Entwicklung der Digitalbasis für diese ganze Arbeit zuständig ist, neben dem Verkehrsministerium, dem Föderalen Dienst für Verbraucherschutz (Rospotrebnadsor), dem Innenministerium (zuständig für Migrationsprobleme), dem FSB (zuständig für Grenzschutzfragen). Die wichtigsten Fragen über die Verschärfung (und dann Lockerung) der Maßnahmen zur Bewegungseinschränkung werden natürlich unter Berücksichtigung der Meinung der Rospotrebnadsor-Behörde, des Gesundheitsministeriums und des ganzen Operativstabs getroffen, an dessen Spitze die stellvertretende Ministerpräsidentin Tatjana Golikowa steht, die unter anderem für Gesundheitsfragen zuständig ist.

Frage: Wann haben Sie verstanden, dass wir, sagen wir, 250 000 Menschen haben, die nach Russland evakuiert werden müssen?

Sergej Lawrow: Organisierte Touristen wurden ziemlich schnell zurückgeholt. Die größte Arbeit war mit nicht organisierten Touristen – und nicht nur Touristen – verbunden. Diese Menschen befanden sich im Ausland aus ganz verschiedenen Gründen. Die meisten von ihnen waren natürlich Touristen.

Frage: Es ist nicht ganz klar, wie der Unterschied zwischen „organisierten“ und „nicht organisierten“ Touristen ist.

Sergej Lawrow: Es gibt bei uns keine Beschränkungen für die Ausreise aus dem Land. Organisierte Touristen haben unbedingt auch Rücktickets bei sich. Da hat auch das jeweilige Reisebüro entsprechende Verpflichtungen.

Frage: Also ist man dann auf eine touristische Reise gegangen?

Sergej Lawrow: Ein selbstständiger Tourist kann auch ohne das Rückticket reisen, weil er noch nicht weiß, wieviel Zeit er im Ausland verbringen will. Und solche Menschen gibt es sehr viele, das können Sie mir glauben. Und neben den Menschen, die einfach ausgereist sind, um sich einige Zeit im Ausland zu erholen, gibt es noch eine große Gruppe von russischen Bürgern, die im Ausland entweder studieren oder eine langfristige medizinische Hilfe bekommen, oder auch ansässig sind. Und plötzlich haben sie beschlossen, dass ihre Lebensbedingungen dort (sagen wir, in den USA, beispielsweise in New York) wegen dieser Infektion schlechter geworden sind. Und sie beschlossen, für einige Zeit nach Russland zurückzukehren, und haben sich ebenfalls auf der Website „Gosuslugi“ angemeldet, um heimzukehren. Wir arbeiten an der Umsetzung der Beschlüsse, die kollegial vom Operativstab getroffen werden – auf Basis der Einschätzung der epidemiologischen Situation. Es geht nämlich um die unmittelbare Organisation der Sammlung, der Informierung und Unterbringung unserer Mitbürger an Bord, die aus anderen Ländern zurückkehren.

Frage: Naja, das ist eben, was nötig ist: Sammlung, Informierung, Unterbringung an Bord. Was ist noch notwendig?

Sergej Lawrow: Erstens muss das jeweilige Flugzeug her. Am Anfang wurde beschlossen, dass nach Moskau bzw. in das Gebiet Moskau höchstens 500 Menschen am Tag heimkehren können. In anderen Regionen lag diese Zahl bei 200. Obwohl die meisten Menschen zurückgekehrt sind, gibt es noch mindestens 20 000 unsere Mitbürger, die wir noch nicht zurückholen konnten, auch weil sie sich in entlegenen Orten befinden, die russische Flugzeuge nicht erreichen können.

Frage: Wo denn?

Sergej Lawrow: Das kann irgendwo in Ozeanien, auf irgendwelchen Inseln, auf den Philippinen, in Lateinamerika sein, wo es exotische Orte gibt, die aber weit weg von der Zivilisation liegen.

Frage: Und sie alle müssen von dort aus evakuiert werden?

Sergej Lawrow: Es muss ein Evakuierungshub organisiert werden, und dann ist noch ein Verteilungshub in Russland nötig, wo die jeweiligen Regionen Russlands ihre Einwohner abholen und dabei garantieren werden, dass diese Menschen alle Quarantänemaßnahmen erfüllen werden. Das ist eine sehr aufwendige Arbeit. In unserem Ministerium befassen sich damit der Koordinierungsstab, der buchstäblich rund um die Uhr funktioniert, das Situations-Krisen-Zentrum, alle territorialen Abteilungen (es kommt darauf an, um welche Region der Welt bzw. um welches Land es geht) und natürlich die Informations- und Presseabteilung, denn ihre Mitarbeiter stehen ja immer an der Spitze. 

Frage: Warum die Presseabteilung?

Sergej Lawrow: Einerseits ist das unser „Sprachrohr“, und andererseits ist das quasi die Adresse im Außenministerium, an die sich jeder Bürger nicht nur unseres Landes, sondern auch anderer Länder wenden und gewisse Vorschläge, Bitten oder Forderungen äußern kann. Da können schon verschiedene Dinge passieren: Jemand lobt uns, jemand kritisiert uns.

Frage: Und wie ist die Arbeit dieser ganzen Koordinierungsgruppe im Außenministerium organisiert? Ist sie etwa von sich entstanden?

Sergej Lawrow: Nein, das war meine Verfügung. Die Verfügung wurde schon vor längerer Zeit unterzeichnet, etwa Mitte März. Ein Vizeaußenminister erledigt diese Arbeit. Alle Abteilungen, die ich eben erwähnte, sind daran beteiligt. Außerdem sind wir durch einen Vizeaußenminister im Operativstab um die stellvertretende Ministerpräsidentin Tatjana Golikowa vertreten und arbeiten in der Koordinierungsgruppe des Staatsrats, an deren Spitze der Oberbürgermeister Moskaus, Sergej Sobjanin, steht.

Frage: Haben wir erwartet, dass es so viele Menschen geben würde?

Sergej Lawrow: Ehrlich gesagt, war ich nicht überrascht. Offen gesagt, hätte es noch viel mehr solche Menschen geben können. Es war völlig unklar, wie viele Menschen, wie ich schon sagte, ins Ausland gezogen waren und plötzlich beschlossen haben, dass es für sie besser wäre, nach Russland zurückzukehren.. Und diese Menschen vervollkommneten quasi die Evakuierungslisten. Sagen wir, wir evakuieren 5000 Menschen, aber die Listen wurden auf einmal um 10 000 Namen größer.

Frage: Das ist mir völlig unklar: Diese Menschen sind ausgereist und leben permanent in den USA, aber das Außenministerium bzw. Russland evakuieren sie jetzt nach Russland – auf eigene Kosten. Wozu denn?

Sergej Lawrow: Nicht ganz auf Kosten Russlands. Die Tickets kosten ja eine gewisse Summe. Aber der russische Staat zahlt jeder volljährigen Person, die sich auf der Website „Gosuslugi“ angemeldet hat, ein Tagegeld in Höhe von 2400 Rubel.

Das ist die Entscheidung dieser Menschen, das ist ihr Leben. Wir werden da keine weiteren Fragen stellen. Sie dürfen heimkehren, weil sie russische Staatsbürger sind.

Frage: Also ist uns das egal?

Sergej Lawrow: Nicht egal. Wir wollen natürlich so tun, dass sich die Menschen bequem fühlen. Wie gesagt: Unabhängig davon, welche Entscheidungen man früher getroffen hatte – falls man denkt, dass er zwecks Sicherung seiner Interessen heimkehren muss, wer kann ihn dabei behindern? Ich denke, man darf so etwas nicht tun.

Frage: Also halten wir jede Person für „unsrige“, die so oder so die russische Staatsbürgerschaft hat?

Sergej Lawrow: Es gibt nur einen Weg, russischer Staatsbürger zu sein: den russischen Pass zu haben.

Frage: Und wir halten sie alle für „unsrige“, egal ob sie beispielsweise auch den Pass der USA haben?

Sergej Lawrow: Man sagt manchmal pathetisch: „Wir lassen unsere Leute nicht im Stich“. Das ist eben der Fall. Es wurden natürlich auch gewisse Fehler gemacht – das passiert in Einzelfällen immer so. Wenn eine große Arbeit geleistet wird, gibt es manchmal auch gewisse Mängel. Ich war sehr angenehm überrascht… Nein, eigentlich gar nicht überrascht – ich wusste ja, dass unsere Leute normalerweise sehr hilfsbereit sind. Aber in vielen unseren Botschaften waren unsere Mitarbeiter in diesem Sinne sehr kreativ.

In Nepal (das erzählten wir schon) richteten unsere Mitarbeiter, angeführt von unserem Botschafter (dort gibt es noch seit den Sowjetzeiten ein ziemlich großes Gelände), ein Zeltlager für die Menschen ein, die dort als „wilde“ Touristen (die die Himalaya selbst besteigen) weilten, weil sie sich ein Hotel einfach nicht leisten konnten.

Frage: Und diese Menschen wurden einfach in diesen Zelten untergebracht?

Sergej Lawrow: Sie lebten in diesen Zelten. Unsere diplomatische Mission kaufte für diese Menschen Lebensmittel – auf Kosten der Mitarbeiter.

Frage: Also mussten die Mitarbeiter dafür zahlen?

Sergej Lawrow: Ja.

Frage: Nicht der Staat?

Sergej Lawrow: Jetzt erfolgt das alles schon organisiert, aber damals mussten unsere Mitarbeiter quasi aus dem Stegreif handeln. Niemand konnte sich den Umfang dieses Problems vorstellen. Niemand hatte sich früher mit der Evakuierung solch vieler Menschen aus dem Ausland beschäftigt.

Es gab ähnliche Situationen, beispielsweise nach dem Tsunami in Thailand, als dort alle evakuiert werden mussten. Das ist ein Land (mit mehreren Urlaubsorten), eine Richtung. Allerdings flogen damals Charterflugzeuge mit unseren Touristen in die Gegenrichtung. Manche flüchteten, manche flogen in den Urlaub, denn sie hatten ja ihre Hotelvoucher.

Frage: Aber jetzt ist die Zahl solcher Menschen unvergleichbar größer, nicht wahr?

Sergej Lawrow: Natürlich. Thailand ist eine von mehreren Dutzenden Richtungen, woher wir jetzt unsere Menschen ausführen müssen. In Thailand bleiben immer noch mehrere Zehntausende unsere Mitbürger. Viele von ihnen haben beschlossen, ihr Glück nicht herauszufordern.

Frage: Sie beschlossen, dort zu bleiben?

Sergej Lawrow: Jedenfalls für die Zeit der Pandemie wollen sie die weitere Entwicklung der Situation abwarten.

Frage: Das hängt doch davon ab, ob man es sich leisten kann, im Ausland zu bleiben, oder?

Sergej Lawrow: Natürlich.

Frage: Es ist aber offensichtlich, dass wir in einem Land leben, wo die meisten Menschen sich so etwas nicht leisten können.

Sergej Lawrow: Natürlich. Die meisten Menschen kaufen eine kurze „All-inclusive“-Reise, die zeitlich beschränkt ist und eine ganz klare Liste von Dienstleistungen vorsieht, die man bekommt. Das ist üblicherweise eine ziemlich bescheidene Summe, aber für die meisten Menschen ist auch das ein großer Aufwand. Und wenn sie so eine Reise kaufen, dann bedeutet für sie ein längerer Aufenthalt im Ausland ein großes Problem. Deshalb ist die Hilfe, die ihnen der Staat leistet, sehr wichtig.

Frage: Wie schätzt der Staat, auch das Außenministerium Russlands, die Verantwortung der Menschen ein? Diese Menschen sind abgereist, haben ihre Hotels bezahlt. Sie hätten doch darüber nachdenken müssen, oder?

Sergej Lawrow: Das ist eine strikt moralische Kategorie. Als Außenminister kann ich das nicht einschätzen, sondern muss die Verfassung der Russischen Föderation erfüllen.

Frage: In der Verfassung steht nicht geschrieben, dass die Staatsbürger für eigenes Geld ausgeführt werden sollen.

Sergej Lawrow: Das ist auch eine moralische Kategorie. Ich kann moralisch als natürliche Person eigene Vorstellungen davon haben, wie riskant oder nicht es war, in der zweiten Hälfte im März in den Urlaub in warme Gebiete zu fliegen, als das Ausmaß der Pandemie damals von allen Medien schon ungefähr beschrieben wurde. Doch ich habe auch eigenes moralisches Verhalten zu jenen, die ohne jegliche Verfassung, einfach weil sie Menschen sind, diesen Menschen halfen, die gar ohne Geld geblieben sind.

Wir erwähnten bereits einige Male, dass mehr als 60 russische Schüler in den USA ohne jegliche Benachrichtigung der russischen Strukturen blieben. Es gibt eine merkwürdige Nichtregierungsorganisation, mit der die US-Struktur kooperiert, die sich mit der Ausbildung der Ausländer befasst. Sie bezahlen irgendwelche Kosten, sie werden befördert, sie werden bei US-Familien tief im Lande untergebracht, sie werden in verschiedenen Bundesstaaten in Colleges, Schulen ausgebildet. Es waren mehr als 60 dieser Menschen. Jetzt bleiben da meines Erachtens nur sechs. Viele von jenen, die sich in dieser Kategorie erwiesen, wurden nach New York mit Hilfe unserer Diplomaten gebracht, in mehreren Fällen wurden Flug- und Eisenbahntickets gekauft.

Frage: Die Mitarbeiter der Botschaft Russlands haben also auf eigene Kosten Tickets gekauft?

Sergej Lawrow: Ja. Und das ohne jegliche Anweisungen, ohne Anordnungen.

Frage: Wozu?

Sergej Lawrow: Weil es wichtig ist, dieses Problem zu lösen. Wie sonst? Minderjährige Kinder bleiben in US-Familie. Als die Pandemie begann, sagten US-Familien in mehreren Fällen Jungen bzw. Mädchen: „Vielen Dank, wir leisteten Dienstleistungen zur Unterbringung, solange alles gut lief, jetzt ist die Situation anders, weshalb wir die Kooperation mit diesem Programm einstellen“. Ich denke, dass da entsteht nicht die Frage „Wozu“. Das ist einfach ein aufrichtiger Wunsch, zu helfen. Das ist lobenswert und verdient Beförderung.

Frage: Haben Sie erwartet, dass es solche persönliche Einbeziehung unserer Botschafts- und Konsulardienste geben wird?

Sergej Lawrow: Ich arbeitete doch im Ausland. Ich weiß, dass es verschiedene Menschen gibt. Ein durchschnittlicher normaler Diplomat mit funktionierenden Nervenendigungen zur Wahrnehmung der Situation in der Welt will in der Regel Menschen helfen, die sich in einer außerordentlichen Situation erwiesen.

Das Ausmaß der Not konnte natürlich niemand planen, es war unmöglich, in einem staatlichen Ausmaß Strukturen zu schaffen, indem man so etwas voraussehen konnte. Jetzt werden natürlich Schlussfolgerungen gemacht.

Frage: Welche Schlussfolgerungen werden gemacht?

Sergej Lawrow: Ich weiß nicht. Vor allem sollen Schlussfolgerungen unsere Bereitschaft für den Fall der Wiederholung solcher Pandemie betreffen, zumal immer mehr Spezialisten von einer möglichen zweiten Welle sprechen. Da sollen unsere Epidemieforscher natürlich die erste Geige spielen, vor allem, bei der Gewährleistung Russlands mit medizinischen profilierten Einrichtungen. Die Zahl der Krankenhäuser, die gebaut wurden (nicht zeitweilige) mit guter, richtiger Ausstattung, mit notwendigen Geräten und ausreichenden ernsthaften Schutzmitteln – das wird, ich bin mir sicher, aufrechterhalten. Sie werden anscheinend zwischen den „Ausbrüchen“ umprofiliert, wenn es zur zweiten Welle kommt. Das ist am wichtigsten.

In der nächsten Zeit soll anscheinend der Beschluss darüber getroffen werden, was man mit der Wiederaufnahme des Flug-, Eisenbahn- und Autoverkehrs mit der Außenwelt machen soll. Je von der Erfahrung, die wir jetzt alle machen, werden diese Beschlüsse getroffen.

Frage: Was wird das Außenministerium machen?

Sergej Lawrow: Wir als Außenministerium werden Informationen darüber gewährleisten, wie die epidemiologische Situation im Ausland ist. Diese Informationen werden vom Ministerium in die russischen Strukturen geschickt, die professionell einschätzen werden, inwieweit das gefährlich oder sicher ist. So wird jetzt zum Beispiel Europa geöffnet, doch angesichts der festgestellten Covid-19-Zahl gehört Russland wie die USA und Brasilien auf dieser Etappe zu den Ländern, für die Europa bislang nicht geöffnet wird.

Frage: Brasilien - da ist es überhaupt unglaublich. Dort ist es schrecklich.

Sergej Lawrow: Wenn man bei uns über Infizierte spricht…

Frage: Bei uns sind es 8000 pro Tag.

Sergej Lawrow: Schon weniger als 8000, und die Zahl sinkt. Doch die Gesamtzahl beläuft sich auf Hunderte Tausend. Das ist viel. Eine andere Sache, dass die Todesrate bei uns niedriger ist. Dazu sollen Spezialisten einzeln miteinander reden, weil es wichtig ist, dass die Statistik einheitlich ist. Jetzt sind Statistiken bei allen unterschiedlich – irgendwo ganz liberal (es werden alle Todesfälle in diese Kategorie aufgenommen), irgendwo werden die Gründe unterschieden. Ich kann da nicht als Experte auftreten. Wir werden operativ der Regierung Russlands Informationen darüber bereitstellen, wie die Situation im Ausland aus der Sicht der epidemiologischen Lage und der Tatsache aussieht, wie sich andere Staaten für die Außenwelt öffnen.

Frage: Wie denken Sie, wann werden die Grenzen geöffnet?

Sergej Lawrow: Ich weiß es nicht. Wir beginnen allmählich, zu einem normalen Leben zurückzukehren, indem man aus der Periode der Videokonferenzen herausgeht, wir hatten mehr als 15 Videokonferenzen, darunter solche große wie Videokonferenzen der Außenminister der OVKS, GUS, SOZ, Russland-ASEAN. Bereits im üblichen Format empfing ich zwei Kollegen – in der vergangenen Woche den Außenminister der Islamischen Republik Iran, Mohammed Dschawad Sarif, in dieser Woche – den Außenminister der Bolivarischen Republik Venezuela, Jorge Arreaza.

Ich selbst war zum ersten Mal seit drei Monaten im Ausland – in Serbien und Belarus. Beide Besuche waren bereits für März geplant.

Frage: Wissen Sie, dass man jetzt ins Ausland via Weißrussland fährt? Jetzt wurde die Türkei geöffnet. Da fliegen die Flugunternehmen BelAvia, Turkish Airlines.

Sergej Lawrow: Wir können Menschen nicht verbieten, diese Möglichkeit zu nutzen. Eine andere Sache ist natürlich, Vorsicht und gesunder Verstand sollen beim Treffen der Entscheidung vorhanden sein.

Frage: Viele große Länder holten ebenfalls ihre Staatsbürger aus „Hotspots“ zurück. Wodurch unterschied sich unsere Methode von der deutschen oder amerikanischen, zum Beispiel?

Sergej Lawrow: Nirgendwo wurde jemand kostenlos zurückgeholt. Allen wurde entweder etwas geliehen, oder eine  Bescheinigung genommen, dass der Mensch nach der Rückkehr eine entsprechende Summe bezahlt.

Bei uns wurde das mit den vorhandenen Möglichkeiten zur Unterbringung der Menschen in Quarantäne korreliert.

Frage: Sie sagen, dass alle seit mehr als drei Monaten im Zoom-System funktionierten – die ganze Welt begann, miteinander im Remote-Format zu kommunizieren. Russlands Präsident Wladimir Putin führte und führt bis heute Sitzungen im Remote-Format durch. Inwieweit änderte das die Arbeit des Staatssystems und unter anderem des Außenministeriums?

Sergej Lawrow: Hätte es solche Pandemie bereits vor zehn Jahren gegeben, hätten wir uns wohl in einer deutlich schwierigeren Situation aus der Sicht des Normalbetriebs des Außenministeriums erwiesen. Jetzt geschah das nach einer ziemlich umfassenden Implementierung der modernen Kommunikationsmethoden in die Arbeit des Außenministeriums Russlands und anderer föderalen und regionalen Strukturen. Wir hatten keine Probleme mit der Aufnahme dieser Arbeit im Online-Format. Wir hatten keine besonderen Schwierigkeiten dabei.

Frage: Hatten Sie ein merkwürdiges Gefühl, als Sitzungen mit dem Präsidenten stattfanden? Gewöhnlich kommen Sie dazu in den Kreml…

Sergej Lawrow: Merkwürdig ist, dass es nicht direkt, sondern im Fernsehen ist. Doch das alles funktioniert ziemlich effektiv.

Natürlich kann persönliche Kommunikation nicht ersetzt werden, wenn es um Verhandlungen mit einem ausländischen Partner nicht pro forma geht. Es gibt Besuche (ich würde sie Besuche der Höflichkeit nennen), wenn der eine vorliest, wie bei uns alles nicht schlecht ist, der andere vorliest, wie bei uns alles gut ist, es wurde vereinbart, sich weiter zu treffen. Ich übertreibe ein bisschen, doch es gibt leichte Besuche, bei denen es keine Aufgabe ist, Verhandlungen durchzuführen und unbedingt zu diesem Zeitpunkt ein Problem zu lösen. Wenn solche Probleme auf der Tagesordnung konkreter Verhandlungen stehen, ist es dann schwer, das online zu lösen. Man soll immer Augen sehen, und nicht einfach Augen im Fernsehen, sondern im Live-Format. Es gibt Sachen, die man schwer selbst der am stärksten geschützten Videokonferenz vertrauen kann. Dass soll menschlich verständlich sein.

Ich denke, nachdem sich das alles beruhigt (hoffentlich wird das schnell sein) hat, werden wir einige Elemente dieser Arbeit weiterhin nutzen, besonders wenn es sich um Partner handelt, die es logistisch schwer haben, zu kommen, beispielsweise aus Südamerika. Das ist eine ganze Geschichte – wenn sie ihre Auslandsdienstreisen planen, sollen sie drei, vier bzw. fünf Länder kombinieren, um nicht jedes Mal 15-16 Stunden für einen Flug zu brauchen.

Frage: Waren Sie selbst nicht an Covid-19 erkrankt?

Sergej Lawrow: Bislang Gott sei Dank nicht.

Frage: Waren viele Mitarbeiter des Außenministeriums erkrankt?

Sergej Lawrow: Bei uns gibt es Fälle – einige Dutzend.

Frage: Im Zentralapparat?

Sergej Lawrow: Auch in unseren Territorialabteilungen in den wichtigsten Regionen der Russischen Föderation, wo es eine große ausländische konsularische Vertretung gibt. Rund 40. Die überwiegende Mehrheit in leichter Form. Ein Todesfall.

Frage: Ein älterer Mensch?

Sergej Lawrow: 62 Jahre. Seine Ehefrau ist medizinische Mitarbeiterin (das ist kein großes Geheimnis), sie arbeitete in Ambulanz, war wohl selbst Träger ohne Symptome.

Wir halten strikt alle Empfehlungen von Rospotrebnadsor, Gesundheitsdienstes Moskaus, darunter bezüglich Home-Office, ein. Rund die Hälfte der Mitarbeiter arbeitet von Anfang an und bis jetzt im Home-Office.

Frage: Und Sie?

Sergej Lawrow: Ich muss kommen, schauen… Wie eigentlich alle arbeite ich in meinem Arbeitszimmer.

Frage: Also Sie waren nie im Home-Office?

Sergej Lawrow: Nein. Auf mich wird auch aufgepasst. Ich kommuniziere nicht mit vielen Menschen. Wir werden regelmäßig geprüft – mehrere Male pro Woche. Wir haben alle notwendigen individuellen Schutzmittel für Besucher. Doch diese gibt es jetzt weniger, wir bemühen uns, Fragen vor allem per Telefon zu lösen. Danke für die Sorge.

 

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