13 Januar 202022:30

Interview des Außenministers der Russischen Föderation, Sergej Lawrow, mit der sri-lankischen Zeitung „Daily News“, das am 13. Januar 2020 veröffentlicht wurde

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Frage: Nach dem Ende des Kalten Kriegs und Beginn der Aufstellung des multipolaren Weltsystems befassen Sie sich seit vielen Jahren mit internationalen Beziehungen und Geopolitik. Gibt es heute irgendwelche Details bei den Beziehungen zwischen Russland und Sri Lanka, die in dieser Periode entstanden?

Sergej Lawrow: Die Beziehungen zwischen unseren Staaten haben unveränderlich einen inhärent wertvollen Charakter und hängen nicht von den Schwankungen der internationalen Konjunktur ab. Sie ruhten immer und ruhen weiterhin auf den Prinzipien der Gleichheit, Vertrauens, gegenseitigen Respektes und Berücksichtigung der Interessen voneinander. Die Details, die für eine jeweilige Periode der Geschichte typisch sind, haben die zweitrangige Bedeutung, weil sie die Unerschütterlichkeit der unsere Völker vereinigenden Gefühle der Freundschaft nicht beeinflussen.

In den vergangenen 25 bzw. 30 Jahren hatte wohl nur das Modell unserer handelswirtschaftlichen Zusammenarbeit Änderungen – die führende Rolle überging vom Staatssektor zum Privatsektor, was vor allem mit den Marktänderungen in der russischen Wirtschaft verbunden ist.

Frage: Der Indische Ozean wurde zu einer Plattform für den Kampf um den Einfluss, besonders unter den Bedingungen, wenn die Staaten des Indischen Ozeans und Küstengebiets wirtschaftlich und politisch immer aktiver werden, und internationale Handelsströme weiterhin eine wichtige Rolle für große internationale Akteure und Industriezentren spielen. Wie wichtig ist die Lage Sri Lankas im Indischen Ozean für strategische Interessen Russlands?

Sergej Lawrow: Der Indische Ozean soll nicht eine Arena für einen Wettstreit, sondern eine Zone für die Kooperation der Küsten- und Inselstaaten sein, die mit gemeinsamen Anstrengungen Bedingungen für eine nachhaltige sozialwirtschaftliche Entwicklung im Rahmen solcher regionalen Strukturen wie z.B. die Indian Ocean Rim Association (IORA), Südasiatische Vereinigung für regionale Kooperation (SAARC), Initiative für sektorenübergreifende technische und wirtschaftliche  Kooperation der Länder am Golf von Bengalen (BIMSTEC) schaffen. Das würde auch vollständig den Interessen Russlands entsprechen angesichts der Tatsache, dass die Region des Indischen Ozeans teilweise das Gebiet der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit umfasst. So hat Sri Lanka in der SOZ den Status des Dialog-Partners.

Leider beobachten wir in der letzten Zeit beharrliche Versuche der außerregionalen Länder, die entstandene Ordnung zur Lösung der eigenen eigennützigen Aufgaben umzubauen. Das von den USA durchsetzende Konzept der „freien und offenen Indisch-Pazifischen Region“ hat nicht ein vereinigendes, sondern ein destruktives Potential. Sein wahres Ziel – die Staaten der Region in Interessengruppen teilen, die multilateralen Grundlagen des Beginns des Funktionierens des regionalen Systems der zwischenstaatlichen Beziehungen abschwächen, um die eigene Dominanz aufzustellen.

Jede neuen Ideen, die die strategische Entwicklung der Region betreffen, sollen die Bildung dort eines allgemeinen Kooperationsraums fördern. Die regionale Architektur soll gemeinsam, auf den Prinzipien der Unteilbarkeit der Sicherheit, Hoheit des Völkerrechts, Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten, friedlichen Regelung der Streitigkeiten, Nichtanwendung der Gewalt und Gewaltandrohung aufgebaut werden.

Sri Lanka liegt wie bekannt an der Kreuzung der Transitwege, die durch den Indischen Ozean verlaufen. In diesem Kontext ist seine Bedeutung kaum zu überschätzen. Wir begrüßen die Pläne der neuen Führung des Staates mit Präsident Gotabaya Rajapaksa an der Spitze, die Insel in eines der größten Handels- und Finanzzentren Asiens mit Fokus auf Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur, Modernisierung des Agrarsektors, Heranziehung der Investitionen in High-Tech-Projekte zu verwandeln. Wir denken, dass von der Umsetzung dieser Absichten sowohl Sri Lanka selbst, als auch seine ausländischen Partner  - in und außerhalb der Region – profitieren werden.

Frage: Sri Lanka hatte enge Wirtschaftsbeziehungen zunächst zur Sowjetunion und jetzt auch zu Russland. Gibt es konkrete Wirtschaftsbereiche, die Kooperation in denen Sie während des Besuchs besprechen wollen?

Sergej Lawrow: In den letzten Jahren liegt der Umfang des russisch-sri-lankischen Handels bei rund 400 Mio. Dollar. Das entspricht eindeutig nicht dem vorhandenen Potential, was auch bei den im März 2017 stattgefundenen Verhandlungen der Präsidenten Wladimir Putin und Maithripala Sirisena betont wurde. Die Staatschefs stellten eine Aufgabe, den Handelsumsatz auf 700 Mio. Dollar zu erhöhen. In diesem Zusammenhang ist die Rolle der Russisch-Sri-lankischen Zwischenregierungskommission für handelswirtschaftliche und wissenschaftstechnische Kooperation kaum zu überschätzen. Die Ausarbeitung konkreter Maßnahmen ist ihre Prärogative.

Doch schon jetzt kann man sagen, dass einer solchen Schritte die Diversifizierung der Nomenklatur des sri-lankischen Exports sein könnte. Sein riesiger Teil, rund 90 Prozent, entfällt auf nur zwei Warentypen – Tee und Textil. Russland ist bereit, Sri Lanka Erzeugnisse der russischen Unternehmen, darunter Flugzeugbauunternehmen, anzubieten. Es sind gute Aussichten des Zusammenwirkens im Energiebereich, Aufnahme der Kooperation in der Landwirtschaft und Implementierung der fortgeschrittenen Informations- und Kommunikationstechnologien zu erkennen. Eine weitere wichtige Richtung der gemeinsamen Anstrengungen bleibt die Tourismusbranche, weil Sri Lanka eine populäre Destination bei russischen Touristen wurde.

Ich rechne damit, dass diese und andere Fragen der praxisorientierten Kooperation während meines Besuchs in Ihr Land besprochen werden.

 

 

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